IV Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Wissenschaftsjournalist, Autor und Naturfotograf in Berlin.
Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale.


 

Was wurde eigentlich aus…. 
dem Göttinger Feldlerchen-Projekt?

Auch nach Abschluss der Förderung durch die Stöckmann-Stiftung bleiben die von uns geförderten Projekte wichtig. Deshalb fragen wir in lockerer Reihenfolge bei den Projektmachern noch einmal nach, um zu erfahren, wie sich die von uns geförderten Maßnahmen weiterentwickelt haben. Den Anfang macht das Göttinger Feldlerchen-Projekt. 

Um zu helfen, die Ursachen für den dramatischen Rückgang der Feldlerchen in unserer Agrarlandschaft zu erkennen und Gegenstrategien zu entwickeln, hat die Stöckmann-Stiftung das Göttinger Feldlerchen-Projekt gefördert. Wir sprachen mit Projektgründer Manuel Püttmanns über die Ergebnisse der von uns geförderten Untersuchungen. 

puettmannsThomas Krumenacker spricht mit Manuel Püttmanns

 

STÖCKMANN-STIFTUNGWie kommt es, dass Sie sich ausgerechnet mit der doch recht unscheinbaren Vogelart Feldlerche beschäftigen?

Manuel Püttmanns: Als Jugendlicher las ich einen Artikel über die Feldlerche, in dem es um ihren dramatischen Bestandsrückgang sowie Lerchenfenster als einfach umzusetzende Schutzmaßnahme ging. Ich war damals begeistert von der Idee, mit einfachen Mitteln einer stark bedrohten Art helfen zu können und habe mich daraufhin zunehmend mit der Thematik auseinandergesetzt. Dieses Interesse hat mich nie wieder los gelassen und so stand für mich nach meinem Biologie-Studium fest, dass ich in meinem Berufsleben etwas zum Schutz der Feldvögel und insbesondere zum Schutz der Feldlerche beitragen möchte. „Unscheinbar“ empfinde ich Feldlerchen allerdings nicht; ihr fantastischer Gesang hoch über unseren Köpfen gehört für mich mit zu den schönsten Erlebnissen, welche unsere Kulturlandschaft zu bieten hat.

    

Wie geht es den Feldlerchen in ihrem Untersuchungsgebiet? Hatten sie eine gute Brutsaison?

Püttmanns: Da die dreijährige Freilandarbeit bereits 2019 abgeschlossen wurde, kann ich leider nichts Konkretes zur zurückliegenden Brutsaison sagen. Ich würde allerdings vermuten, dass sich ein ähnliches Bild abgezeichnet hätte wie im Untersuchungszeitraum: Fast alle unsere Daten sprechen dafür, dass sich die Feldlerchen in den Feldern südlich von Göttingen und im Gegensatz zu vielen anderen Teilen Deutschlands noch ziemlich gut behaupten können. Beispielsweise ist der Bruterfolg über die gesamte Saison hinweg auf recht hohem Niveau stabil. Dafür spricht auch, dass wir mit 30 bis 40 Brutpaaren pro km² noch eine vergleichsweise hohe Dichte an Feldlerchen haben.

    

Sie haben die Art sehr intensiv untersucht, unter anderem durch Besenderung. Was haben Sie dabei herausgefunden?

Püttmanns: Die Feldlerchen, welche wir mittels Telemetrie über den Großteil der Brutsaison intensiv begleiten konnten, beendeten durchschnittlich ein Gelege erfolgreich. Das klingt zunächst wenig, ist es bei genauerem Hinsehen jedoch nicht: In vielen anderen Regionen haben Feldlerchen durch schnell hochwachsende Monokulturen, allen voran Wintergetreide und Mais, überhaupt nur die Chance, einen einzigen Brutversuch zu unternehmen. Danach wird die Vegetation für die am Boden angelegten Nester zu dicht. Wenn dabei dann noch etwas schief läuft und die Brut z. B. durch Fressfeinde verloren geht, gibt es nicht genügend Nachkommen für einen stabilen Bestand. Im Göttinger Untersuchungsgebiet jedoch stehen Möglichkeiten für die Nestanlage über die gesamte Brutsaison hinweg zur Verfügung. Viele der besenderten Feldlerchen, die ihre erste Brut noch im Wintergetreide durchführten, wechselten für die zweite Brut einfach auf ein benachbartes Feld mit einer niedrig wachsenden Sommerkultur, allen voran Zuckerrübe, oder in einen nahe gelegenen Blühstreifen. 

    

Diese Ausweichmöglichkeit muss es in der intensiv genutzten Agrarlandschaft aber erst einmal geben, oder?

Püttmanns: Ja, hier war dieser „Umzug“ möglich, da die Agrarlandschaft südlich von Göttingen noch recht kleinstrukturiert ist mit kleineren Feldschlägen und einen meist abwechselnden Anbau von Winter- und niedrig wachsenden Sommerfrüchten. Außerdem wurde das Untersuchungsgebiet im Rahmen des international agierenden Rebhuhnschutz-Projektes PARTRIDGE mit zahlreichen Blühstreifen aufgewertet. Die Feldlerchen konnten also mehrere Brutversuche pro Saison beginnen, die alle eine realistische Chance auf Erfolg hatten, und so etwaige Verluste einer Brut ausgleichen.

Neben den Daten zum Bruterfolg haben wir uns im Projekt auch intensiv mit den Nahrungshabitaten beschäftigt. Auch hier erschwert üblicherweise die zunehmend undurchdringliche Vegetation vieler Kulturpflanzen die am Boden stattfindende Nahrungssuche von Feldlerchen, die ihre Küken füttern müssen. Nicht jedoch in Göttingen: Hier konnten Feldlerchen durch den ausgewogenen Mix an Winter- und Sommerkulturen ihre Küken während der gesamten Brutzeit ausreichend versorgen.

    

Welches Ergebnis hat Sie persönlich besonders erstaunt?

Püttmanns: Am meisten hat es mich überrascht, wie gut sich die Göttinger Feldlerchen offenbar schlagen. Da überall von den dramatischen Bestandsrückgängen zu hören ist, hätte ich auch eindeutige Anzeichen für Probleme mit dem Brutgeschäft in Göttingen erwartet. Dem ist nach aktuellem Stand erfreulicherweise nicht so; da ein Untersuchungszeitraum von drei Jahren allerdings recht kurz ist und wir leider keine vergleichbaren Daten aus früheren Jahrzehnten haben, können wir nicht abschließend beurteilen, ob sich die Situation in Göttingen trotz der guten Werte im Vergleich zu anderen Regionen über die Jahre verschlechtert hat. 

Außerdem hat mich das Verhalten einzelner Feldlerchen-Individuen erstaunt, welche wir durch die Besenderung verfolgen konnten: Während die meisten Feldlerchen fast immer in ihrem Revier anzutreffen waren, gab es ab und an mal Vögel, welche kurzzeitig einen „Ausflug“ auf Felder in z. T. 3 km Entfernung gemacht haben, um eine Stunde später dann wieder in ihrem üblichen Gebiet geortet zu werden. Mich würde wirklich interessieren, was es mit diesen kurzen Trips auf sich hatte! 

    

Welche Erkenntnisse aus ihrer Arbeit sind besonders relevant mit Blick auf den Schutz der Art?

Püttmanns: Entscheidend für den Erfolg der Feldlerchen in Göttingen ist die Kleinstrukturierung des Gebietes mit einer vergleichsweise hohen Vielfalt an angebauten Feldfrüchten. Wie bereits viele andere Studien auch können wir also eine Lanze brechen für mehr Kulturvielfalt in der Agrarlandschaft. Darüber hinaus kommt den Göttinger Lerchen zu Gute, dass der Grünland-Anteil relativ gering ist, sodass wenig Nester beim heutzutage intensiven Mahd-Regime verloren gehen, und dass sich auch der Anbau von Mais und Raps (noch) in Grenzen hält. Unsere Daten zeigen für diese hoch- und dicht wachsenden Kulturen ganz klar ein Meidungsverhalten sowohl zum Brüten als auch für die Nahrungssuche. Im Hinblick auf die immer ausgedehnteren Monokulturen der Bioenergiepflanzen in vielen Teilen Deutschlands müssen also dringend Lösungen gefunden werden, damit Feldlerchen nicht irgendwann ganz von unsern Feldern verschwinden.

Außerdem zeigt sich der positive Einfluss von Blühstreifen als geeignete Nest- und Nahrungshabitate, sodass wir unbedingt wieder mehr extensive Strukturen in der Kulturlandschaft anstreben müssen. Ein Anteil von 7 Prozent, wie er dank des PARTRIDGE-Projektes im Gebiet erreicht wurde, scheint dabei ein guter Richtwert zu sein. Bei allen Maßnahmen zum Schutz der Feldlerche sollte berücksichtigt werden, wie klein die Aktionsräume der Art sind. Feldlerchen müssen auf wenigen Hektaren alles vorfinden, was sie zum Leben benötigen. Schutzmaßnahmen können also nur wirken, wenn sie zahlreich und flächendeckend vorhanden sind. Insgesamt stimmen mich unsere Ergebnisse optimistisch, dass es auch heute noch möglich ist, moderne Landwirtschaft mit hohen Lerchenbeständen zu vereinen – sofern wir dazu bereit sind, etwas am Landschaftsbild zu ändern. 

    

Arbeiten Sie weiter zum Thema und welche weiteren Fragestellungen wären künftig wert, intensiver betrachtet zu werden?

Püttmanns: Auch wenn die Datenerhebung abgeschlossen ist, beschäftige ich mich gerade intensiv mit der Datenauswertung- und anschließender Veröffentlichung. Das wird in jedem Fall noch bis zum Frühjahr 2021 andauern. Für die Zeit nach meiner Doktorarbeit möchte ich unbedingt weiterhin im Bereich des Feldvogelschutzes arbeiten, denn offene Fragen gibt es noch genug: Zum Beispiel gibt es in anderen Teilen des Landkreises Göttingen Landstriche, die deutlich homogener gestaltet sind als unser Untersuchungsgebiet und trotzdem noch hohe Lerchenbestände aufweisen. Daher wäre es äußert spannend, auch dort brutbiologische Daten zu erheben und mit unseren Ergebnissen zu vergleichen. Täuscht die hohe Lerchendichte in diesen aus Lerchensicht eher unwirtlichen Gegenden darüber hinweg, dass der Bruterfolg trotzdem sehr schlecht ausfällt und langfristig mit einer Abnahme zu rechnen ist, oder welche Strategie führt dort zum Erfolg? Eine weitere spannende Frage, deren Erforschung mich sehr interessieren würde, ergab sich ebenfalls durch die Besenderung: Bei einigen unserer besenderten Feldlerchen gab es zwischen zwei Brutversuchen oft sehr lange Pausen von z. T. mehreren Wochen, in denen kein Brutverhalten in irgendeiner Form erkennbar war. Wieso gibt es diese Pausen, statt direkt mit der nächsten Brut zu beginnen, bzw. was ist uns als Beobachter entgangen? Die Feldleche bleibst also nach wie vor ein spannender Vogel, über den es noch viel zu lernen gibt. 

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